NATO-Lage im Kalten Krieg

Die angenommen Bedrohungsszenarien der NATO lesen sich heute wie das Drehbuch zu einem Weltuntergangsszenario.

1954 ging die NATO davon aus, dass „[…] die Sowjetunion und ihre Satellitenstaaten zu dieser Zeit aufgrund ihrer einheitlichen Koomandostruktur, der Konzentration der Streitkräfte auf der inneren Linie und dem Vorteil der Erstschlagsfähigkeit ohne größere erkennbare Vorbereitungen […] über die Fähigkeit [verfügte], die NATO ohne Vorwarnung (Überraschungsangriff) anzugreifen.“ (WEISSE, G.K. 2005, S. 77).

Was bedeutete das in Zahlen?

Aus einem damals als „TOP SECRET – COSMIC“ (siehe Geheimhaltungsstufen) klassifiziertem Dokument ging hervor, dass die Sowjetunion und ihre Verbündeten mit 75-120 Liniendivisonen (etwa 12000 Soldaten pro Liniendivison), 5000 Jagdbombern und Jagdflugzeugen sowie Hilfestellung der Baltischen Rotbannerflotte aus der Ostsee Ziele in Westeuropa angreifen würde.

Zeitgleich wären nach diesem Szenario Angriffe gegen Skandinavien mit bis zu 17 Liniendivisonen unter Beteiligung von etwa 800 Luftangriffsflugzeugen durchgeführt worden.

Die britischen Inseln wären parallel von etwa 350 mittleren und leichten Bombern ins Visier genommen worden – die Türkei (europäischer Teil) und die Balkanländer mit bis zu 60 Liniendivisonen und nochmals 2000 taktischen Luftfahrzeugen. Dies hätte zur Besetzung von Österreich und Jugoslawien geführt, von wo aus dann Angriffe gegen Italien erfolgt wären, unterstützt von 800 Bombern, die von anderen Frontlinien abzogen werden sollten. Hierbei hätte die Schwarzmeerflotte die angreifenden Kräfte unterstützt. Diese hätte sich anschließend dem asiatischen Teil der Türkei zugewandt, zusätzlich zu 30 Liniendivisonen auf dem Land- und 1600 Kampfflugzeugen auf dem Luftweg.

Die Speerspitze hätte dann auf dem Fuße gefolgt: der Angriff gegen Ziele in Kanada und den USA, ausgeführt als konventionelle und nukleare Luftangriffe, Verminung der Küsten sowie Operationen auf dem See- und Lufweg, sowie Sabotage, Zersetzung und weltweiter unkonventioneller Krieg gegen alle, die sich den Interessen entgegen gestellt hätten.

Im Detail ging man in Deutschland davon aus, dass das Land als Frontstaat im Konflikt eine tragische Rolle spielen würde: da hier die beiden Linien der Machtblöcke aufeinander trafen, war von schweren Verlusten auszugehen, ja man befürchtete, dass das Land am Ende mehr oder weniger dem Erdboden gleich gemacht werden würde – und zwar ungleich der Situation im zweiten Weltkrieg.

Hierzu hätte die feindliche Angriffsstrategie mutmaßlich zu einer Zerschlagung des Landes in 8 bis 9 Verteidigungsinseln geführt – dies wären die Bereiche um die Großstädte bzw. Ballungsgebiete gewesen. Zudem wäre die gerade in einen Normalzustand nach dem zweiten Weltkrieg mühsam zurückfindende junge Republik durch subversive Aktionen, Zersetzung und Sabotage geschwächt worden. Man rechnete mit einem totalen Zusammenbruch der Infrastruktur durch Flüchtlingsströme und militärischen Verkehr.

Diese Lagebetrachtung lässt erkennen, wie zum damaligen Zeitpunkt mit Abschreckung und Drohkulissen massive Angst aufgebaut wurde. In diesem Licht wird klar, warum eine Anlage wie Marienthal damals gebaut werden konnte. Sie sollte den Drohszenarien sowohl technisch als auch mit Signalcharakter entgegentreten: „seht her, wir sind vorbereitet“. Entgegen der irrigen Annahme vieler Beteiligter und Unbeteiligter war das primäre Ziel der Anlage nicht, einem ausgewählten Personenkreis 30 Tage nach dem „Big Bang“ eine ungewisse Zukunft zu sichern, sondern es erst gar nicht dazu kommen zu lassen.

Die beschriebene Situation der Zersetzung und gezielten Sabotage wäre einer kriegerischen Auseinandersetzung mit großer Wahrscheinlichkeit vorausgegangen. In dieser Zeit sollte das Land und seine Streit- und Ordnungskräfte sowie die wichtigsten Behörden trotzdem sicher geführt werden können. Hierzu wurde der Ausweichsitz geschaffen.

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